Stadt und Mobilität – Kritische Positionen zu einer mobilitätsorientierten Stadtentwicklung und einer rücksichtsvollen Stadtgestaltung.

Vorag von Prof. Dr. Erwin Herzberger, Architekt am 03.05.2019 m 19 Uhr in der Gaststätte TV Jahn „Wilder Schwob“ auf Einladung des SPD OV Göppingen.

Der Einladung des SPD OV Göppingen zum Vortrag von Prof. Dr. Erwin Herzberger folgen am Freitag, 3.5.2019

40 Mitglieder und Gäste. Jahrelange Berufserfahrung, hohe Professionalität in Architektur und Städteplanung und eine große Herzensangelegenheit im Kontext von gesundem Wohnen, Verkehr und Ökologie – das sprudelt aus Prof. Dr. Erwin Herzberger schier endlos und mitreißend heraus.

Grundlage für gute Planungen ist für ihn das Wissen um den historischen Kontext. So wie die Geschichte einer Stadt wichtig ist, betont er auch das Zusammenspiel des Menschen und seiner Stadt als wichtigstes Kriterium.

Menschen, wie Gebäude und Stadtteile repräsentieren sich durch ihre Erscheinung. Denkmalschützer sind Historiker, keine Architekten, dies bedeutet verschiedene Blickwinkel. In der Stadtpolitik kommt es „drauf an, was man will“ Klar ist ihm auch – hinter den Kulissen gibt es immer verschiedene Interessen, er moniert: „politische Diskussionen werden zu wenig ausgetragen“- eine Zeitfrage, eine Willensfrage?

Mobilität ist eine unverzichtbare Bedingung für eine hoch entwickelte Zivilisation. Dies bedeutet nicht, dass jeder mit seinem Auto hinfahren kann wo er will. In Göppingen gibt es verschiedene, neuralgische Punkte, die fließenden Verkehr oft  verhindern.  Ein modernes Mobilitätskonzept ist überfällig, Kompromisse sind gefragt. Für die Umgebungskommunen plädiert Prof. Herzberger für Umgehungsstraßen, der Verkehr muss aus den Ortskernen. Damit ist das Ziel „weniger Verkehr“ jedoch noch nicht erreicht, CO 2 noch nicht gesenkt! Wir brauchen den Dreiklang: Ortumgehungen, Tunnellösungen und weniger Verkehr auf den Straßen.

Viele Straßen verfolgen mittelalterliche Strukturen: große Einfahrtstraßen, um die sich Wohnen angesiedelt hat. Städte wie Köln, Aachen, Mainz oder Dresden wurden im Krieg komplett zerstört und ohne die mittelalterlichen Wege zu beachten wieder aufgebaut. D. h. zunächst wurde das Zentrum, der soziale Raum geplant, Verkehre und Wohnen um das Zentrum kamen danach. Zufahrtswege müssen nicht mitten durch die Stadt gehen. Zubringerstraßen von außen nach innen zu planen, mit gutem und günstigem ÖPNV und guten Wegeverbindungen sorgt für gute Aufenthaltsqualität in der Innenstadt. Organischer Städtebau in „Blattstruktur“ , wie z. B. die Offiziershäuser im Stauferpark, das Wohnquartier in Ursenwang u. a. waren nach dem 2. Weltkrieg die neue „funktionale Städteplanung nach Henry Ford. Die Architektonische Ideologie der Amerikaner : „cheaper, faster, lighter und taller“

„Architektonischer Raum ist notwendig, um sozialen Raum zu erhalten“, dies ist sehr gut gelungen auf den Göppinger Plätzen: Marktplatz, Spitalplatz und Schlossplatz. Störend für das Gesamtensemble am Schlossplatz: das in keinster Weise dem Stil des Schlossplatzes angepasste Haus neben dem Cafe Bozen. Dies stört den Charme, den Charakter, den Ausdruck im Blickkontakt des Besuchers mit den Gebäuden. Auch hier wieder der Bezug zu den Menschen: jeder Mensch trägt Ornamente (Schmuck, Kleidungsstücke etc) bei neuen Häusern lässt man dies  - aus Kostengründen? – einfach weg.

Dennoch ist räumliche Spannung immer da, z. B. das Stadtsofa auf dem neuen Bahnhofsvorplatz, Fußgänger werden im Lauf gehemmt.

Prof. Herzberger stellt die Frage, warum es wohl zu wenige Wohnungen gibt. „Money makes the world go round“ – der Immobilienmarkt will Geld erwirtschaften. Die Investoren sind somit die wirklich wichtigen Akteure, Menschen, die jedoch im politischen Denken der Verantwortlichen kaum wahrgenommen werden.

Nachdenklichkeit beim Thema Ökologie: Deutschland nimmt seine Verantwortung zum Umweltschutz nicht in ausreichendem Maße wahr! In den Städten ist es überlebensnotwendig, kleinräumige Begrünungen und Parkanlagen anzulegen, den Verkehr stark zu reduzieren. Wir werden deutlich anders leben müssen!

Eine „ ökologische Neustadt“ erfordert mehr Abstimmung mit Umlandkommunen über potentielle Baugebiete, Bahnlinien sind zu reaktivieren, Einfamilienhaus-Siedlungen haben viel zu hohes Quellverkehrsaufkommen, die Straßen sind zugeparkt, spielende Kinder oder Mütter mit Kinderwagen haben keine Chance auf die Straße zu kommen. Das Plädoyer auch hier: Autos an die Randbezirke, Zulieferung von außen umgebenden Straßen,  um lebenswerte Wohnquartiere zu erhalten. Hier kann der Hinweis nicht fehlen, dass es doch die Autoindustrie ist, die eine Reduzierung des Verkehrs verhindern möchte.

Neuzeitlich gute Akzente setzten sogenannte Townhouses, wie z. b. in der Pfarrstraße. Sie sind 2 – 4 stöckig, davor ein Elektroauto für mehrere Familien zum Mieten, optimal!

Zum Ende seines Vortrags kommt Prof. Erwin Herzberger nochmal ins Schwärmen über seine Heimatstadt Göppingen, das doch ein Alleinstellungsmerkmal hat: keine alten Fachwerkhäuser, aber einen Rastergrundriss. Die Räumlichkeit der städtischen Anordnung nach dem Stadtbrand im 18. Jahrhundert ist schützenswert. Blickbeziehungen wie z. B. durch die Haupt- oder Marktstraße sind wichtig für die Bürgerinnen und Bürger und zu bewahren.


Anschaulich als Skizzen gemalt  nimmt uns Prof. Dr. Erzberger mit auf eine Zukunftsreise: Aufwertung der Langestraße als Flaniermeile mit Überdachung, Wegebeziehungen durch die Quartiere verbessern, statt Dittlau ein Siedlungsgebiet zwischen Ursenwang / St. Gotthard, und das Areal Technisches Rathaus mit einer zeitgemäße Wohnbebauung mit höchst sozial-ökologischer Qualität.

Mit vielen weiteren Beispielen und Bildern unterlegte Prof. Dr. Herzberger anschaulich seinen gesamten Vortrag. Die Besucher konnten noch zahlreiche Fragen stellen und Diskussionen anregen, unisono die Meinung der Anwesenden:

Wir werden bei städtebaulichen Planungen nun detaillierter hinsehen und hinterfragen und Vorschläge machen, die den Menschen in den Mittelpunkt stellen.

Hilde Huber / SPD- Ortsvereinsvorsitzende

 

 

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